Fiertés Rurales 2026

Pluralismus jenseits der Metropolen – Queere Demokratiearbeit in Deutschland und Frankreich.

25.
Juli
2026

Chenevelles hat ungefähr 480 Einwohner*innen. Am 25. Juli 2026 waren es 6.000 mehr. Als Delegation der Margays aus Mittelhessen waren wir dabei. Nicht als Touristen, sondern als Teil des Teams.

Die Idee war simpel und ziemlich groß zugleich: Was passiert eigentlich, wenn eine Pride nicht in Berlin, Köln oder Paris stattfindet, sondern in einem französischen Dorf mitten auf dem Land? Die „Fiertés Rurales“ machen genau das – seit fünf Jahren, mit wachsendem Erfolg. Für uns als queerer Verein aus dem ländlichen Mittelhessen war das mehr als ein Ausflugsziel. Es war die Frage: Was können wir von denen lernen?

Dank einer Förderung durch den „Deutsch-Französischen Bürgerfonds“ konnten wir es herausfinden. Vom 22. bis 27. Juli 2026 waren wir vor Ort als angemeldete „Bénévoles“, also als Freiwillige unter 120 anderen, die dieses Festival gemeinsam auf die Beine stellen.

Ankommen: Ein Château, ein Feld und sehr viel Herzlichkeit

Untergebracht waren wir im Château de Maisonneuve in Leigné-les-Bois, ein Familienanwesen, das uns schnell mehr wurde als eine Unterkunft. Ein Delegationsmitglied fasste es so zusammen:

„Ich habe von der Reise vor allem die Herzlichkeit der Menschen mitgenommen. Unsere Gastgeberin war so freundlich. Ich habe mich richtig wohlgefühlt. Dazu brauchte es wenige Worte. Gerade wegen der Sprachbarriere konnte ich das feststellen. Als ihre Familie da war und sie mit uns am Frühstückstisch saßen, ihre Crêpes mit uns teilten: das war einfach nur schön.“

Der zweite Ort, der uns prägte, war die „Domaine de Badard“: das Herz der Festivalorganisation, Treffpunkt der Freiwilligen, Werkstatt, Kantine und Lagerplatz in einem. Schon am ersten Abend gab es ein Austauschtreffen mit dem Orga-Team und eine sehr späte, sehr improvisierte Versorgung für uns Nachzügler, an die sich alle gerne erinnern.

Was wir gemacht haben

Freiwillig sein heißt bei den Fiertés Rurales: anpacken. Unsere Aufgaben reichten vom Aufbau auf dem Festivalgelände über den Grill und den Einlass bis zur Parkeinweisung – und am Ende zum Abbau und Aufräumen.

„Die Aufbauarbeiten auf dem Feld, obgleich recht chaotisch, waren spaßig und anstrengend. Sicher wäre mit entsprechendem Werkzeug eine schnellere Umsetzung möglich gewesen – aber hätten wir dann so viel gelacht?“

Genau dieser Satz beschreibt ganz gut, was ehrenamtliche Arbeit im ländlichen Raum ausmacht: Es ist selten perfekt organisiert, aber es funktioniert, weil Menschen sich aufeinander verlassen. Beim Abbau entstand spontan eine internationale Truppe aus Franzosen, Deutschen und anderen und die war, so das Fazit aus unserer Gruppe, „perfekt eingespielt und schneller fertig als gedacht".

Der 25. Juli: Konferenz, Reden, Parade

Der Festivaltag begann nicht mit Musik, sondern mit Politik. Am Vormittag stand eine „Konferenz-Debatte zu Diskriminierung von LGBTQA+-Personen im ländlichen Raum“ auf dem Programm, mit Zeugnissen von Freiwilligen und Beiträgen der Partnerorganisationen.

Anschließend sprachen unter anderem Bernard Cazeneuve, ehemaliger französischer Premierminister, Aurore Bergé, beigeordnete Ministerin für die Gleichstellung von Frauen und Männern und den Kampf gegen Diskriminierung, sowie Cindy Léoni von der interministeriellen Delegation zur Bekämpfung von Rassismus, Antisemitismus und LGBT-Feindlichkeit (DILCRAH). Die Agglomeration (sozusagen der Landkreis) Grand Châtellerault lud im Anschluss zum gemeinsamen Buffet.

Für uns war das ein echter Aha-Moment: Eine Dorf-Pride, die nationale Politik an den Tisch holt. Queere Sichtbarkeit auf dem Land wird hier nicht als Nischenthema behandelt, sondern als demokratische Aufgabe und die Kommune, die Region und der Staat sind sichtbar Teil davon. Das ist ein Modell, von dem wir in Deutschland lernen können.

Und dann kam die Parade. 6.000 Menschen, ein Dorf, sehr viel Farbe. Ein Teilnehmer schrieb uns:

„Höhepunkt war natürlich die Parade am 25. Juli mit all ihrer Vielfalt. Besonders angenehm empfand ich, dass sich hier queere Menschen selbst gefeiert haben – und nicht so viele Gaffer am Straßenrand einen gewissen Zooeffekt erzeugten.“

Sprache: Hände, Herz und ein bisschen Schulfranzösisch

Die Verständigung war eine Herausforderung und zugleich eine der wertvollsten Erfahrungen. In unserem Verein spricht eine Person sehr gut Französisch, drei weitere recht gut, der Rest hat sich auf Englisch verständigt. Auf französischer Seite sah es ähnlich aus: einfaches Englisch bei vielen, gar keine Fremdsprache bei manchen, dafür zwei Personen mit erstaunlich gutem Deutsch.

Was blieb, war eine Mischung aus Handzeichen und Übersetzungs-Apps. Beim gemeinsamen Zeltaufbau braucht es keine Grammatik. Und beim Abschlussabend, als zwei Franzosen mit einem Gitarristen zu singen anfingen, sowieso nicht.

„Nach anfänglicher Zurückhaltung entstand so etwas wie eine Freundschaft.“

Was wir mitnehmen

1. Ländliche Pride funktioniert, wenn das Dorf mitmacht.
Die Fiertés Rurales sind kein Fremdkörper in Chenevelles, sondern arbeiten konsequent mit lokalen Vereinen, Betrieben und Engagierten zusammen. Genau das macht sie stark.

2. Politische Rückendeckung ist kein Luxus, sondern Substanz.
Die Präsenz von Kommune, Region und nationaler Politik sendet ein Signal weit über das Festivalgelände hinaus.

3. Begegnung schlägt Sprachkenntnisse.
Mensch muss nicht perfekt kommunizieren können, um gemeinsam etwas aufzubauen. Diese Erfahrung nehmen wir mit in unsere eigene Vereinsarbeit.

4. Es geht weiter.
Das Orga-Team der Fiertés Rurales hat uns zum Abschied geschrieben, es sei „une réelle joie" gewesen, uns dabeizuhaben und man freue sich auf weiteren Austausch. Wir auch. Ein Gegenbesuch in Mittelhessen ist die naheliegende nächste Idee.

„Mein Fazit: Auch wenn es ein paar Kleinigkeiten zu verbessern gibt, es war ein tolles Erlebnis, das ich jederzeit wiederholen würde. Die Abwechslung zu meinem Büroalltag fand ich wunderbar.“

Mehr zum Marche des Fiertés Rurales unter fiertes-rurales.org

Über die Förderin

Der Deutsch-Französische Bürgerfonds berät, vernetzt und finanziert Projekte, die die deutsch-französische Freundschaft und Europa in der Breite der Bevölkerung erlebbar machen.

Er fördert eine Vielzahl an Formaten und Themen, ist niedrigschwellig und steht allen Akteuren der Zivilgesellschaft offen.

Der Bürgerfonds geht auf den im Jahr 2019 zwischen Deutschland und Frankreich geschlossenen Vertrag von Aachen zurück und wurde im April 2020 errichtet. Er wird vom Deutsch-Französischen Jugendwerk umgesetzt und zu gleichen Teilen von der Bundesregierung und der französischen Regierung finanziert.

Wir danken der Förderin, das dieses Projekt ermöglicht wurde.